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Es werden Posts vom 2018 angezeigt.

Making of "Foto de la Familia"

Rumpelkistengeschichten

Wir lassen uns in einem alten Mahindra Pickup den Ganges flussaufwärts fahren, um eine Wanderung zu machen. Alles an dem klapperigen und doch gut gepflegten Fahrzeug ist irgendwie legendär. Die abseitigen Routen und die vielen Abenteuer, die dieses Auto im indischen Himalaya offenbar gesehen und überstanden hat, sind in vielen Details spürbar. Das Loch in dem der lange Schalthebel im Bodenblech verschwindet, ist verrostet und weit ausgefranst. Neben meinen Füssen blicke ich in die darunter liegenden Gestänge und die stetig und monoton vorbei huschende Schotterpiste. Mein Blick verwischt und meine Gedanken schweifen.   Mir kommt dieser durchgerostet-abgerockte mosambikanische Kleinlaster in den Sinn. Es ist Mitte 2010. Wir wollen unsere Seefracht aus dem Freihafen von Mosambik abholen. Den lebenswichtigen Passierschein für die Zollkontrolle habe ich beiläufig in eines der Ablagefächer des Lastwagencockpits gelegt. Als wir am Tor zum Hafen ankommen, stellen wir fest, dass der Pass

Ganga Flussmagie

Eine mächtige Stromschnelle im Ganges berauscht mit ihrer stetigen Melodie das tiefe Tal in dem unsere kleine Unterkunft etwas oberhalb des Flusses liegt. Die Hänge zu beiden Seiten sind mit dichtem Urwald bewachsen.   Nach dem Mittag liegt das Tal schnell im Schatten. Ein grau-rosa Streulicht verwischt die Kontouren und macht alles geheimnisvoll. Wir sind ganz mit uns alleine an dem kleinen Strand auf einer der Sandbänke im Fluss. Am Hang gegenüber knirschen und krachen Äste. Bäume wackeln - wilde Elefanten nehmen ihren Nachmittags-Snack an Blattwerk ein, welches sie lautstark abreißen. Über uns tobt eine große Gruppe Lemuren-Affen in den Baumkronen. Ein Otter taucht mit seinem dunklen Kopf aus dem Wasser auf und schaut was wir da auf seiner Sandbank machen. Wir bauen Matschburgen, sammeln Treibholz, schichten Steinmänner auf und spielen mit den bunten rundgeschliffenen Flußsteinen Kugelstoßen und Boccia.  Dann ist blaue Stunde. Mit dem letzten bisschen Licht steigen wi

Krishna strikes back

Der Monsun in Tamil Nadu bereichert die Tage im Oktober mit warm dampfenden Nieselmomenten. Fein zerstobene Regenspritzer bedecken alles mit warmem Nass und machen, dass die Farben glitzernd leuchten. Nach dreitägigem Workshop geht es auf dem Weg zurück zum Flughafen noch schnell auf einen Abstecher zu einem Monument mit nationaler Bedeutung. Der reich verzierte Rumpelbus setzt uns bei einer uralten Tempelanlage direkt am Strand von Mahaballipuram ab. Eines der Wunder an diesem Ort ist “Krishnans Butterball” (Krishnas Butterkugel), ein mächtiger, kugelförmiger Granitfelsen, der auf einem bedrohlich schrägen Untergrund aberwitzig balanciert und nicht wegrollt. Auf dem Weg dorthin mache ich mit einem der Teilnehmer Witze, dass der Felsen ja sicher mit einem Stahlanker befestigt, und sowieso vermutlich hohl und aus Kunststoff in Granitoptik von indischen Ingenieuren nett erdacht sei. Vehement wird darauf bestanden, dass es natürlich ein echter Felsen sei, der nur weil die Götter

Chennai - hot, hotter, hottest.

Ein geflügeltes Wort in Chennai über die eigene Stadt besagt, dass es dort über das Jahr nur drei Arten von Wetter gebe: "Hot", "Hotter" und "Hottest. Aktuell ist die "Hot" Jahreszeit. Regenfrei und mit halbwegs erträglichen Temperaturen lässt es sich gerade recht angenehm in Chennai umherwandeln. Ein Blick in den Frühstücksraum des Hotels in dem ich eine Nacht in Chennai verbracht habe, lässt vermuten, dass sich das bis England herumgesprochen hat: britische Renter-Ehepaare besetzen den grössten Teil der Tische. Der Duft frischer Dosenbohnen liegt über der Frühstücks-Szenerie. Dann der Tag in einem offenen Stadtteil-Gemeinschaftszentrum mit Wellblechdach ohne Klimaanlage aber mit pustenden Ventilatoren über den Köpfen. Die Toiletten im Hinterhof lassen einen Blick ins Herz Chennais zu: alles ist grün umwuchert und von wirren Palmenköpfen gekrönt. In den offenen Loggien der unverputzten Hausrückseiten trocknen bunte Saris. Jede Menge spannender

Glamping

Die Faszination von Camping lebt vom weitgehenden Verzicht auf Komfort. Es geht im Kern darum, die eigene Behausung mit all den Annehmlichkeiten und Sicherheiten zu verlassen, sich zu beschränken um sich ganz der Natur auszusetzen. Isomatte statt Bett, Zeltstoff statt Betonwand und Busch statt Klo. Lässt sich dieses Konzept mit Luxus, Prunk und Eleganz vereinen? Sicher, die auf Outdoor- und Trekking spezialisierten Firmen dieses Planeten, haben bereits eine Menge geliefert, wenn es um Komfort und Lifestyle beim Camping geht. Es gibt das zusammenschraubbare Kunststoff-Sektglas und die selbstaufblasende Luftmatratze, die Outdoor-Espressomaschine und den Gaskocher mit USB-Anschluss. Aber da geht noch mehr. “Glamping” wagt sich an die Symbiose von Camping und Glamour. Kann das gehen? Um dies zu testen, buchen wir ein langes Glamping-Wochenende in der Nähe von Jaipur. Von Delhi fahren wir vier Stunden mit dem Auto gen Südwesten. Zelt, Isomatten und Schlafsäcke haben wir nat

“Papa, Schulter!”

Es knirscht und kracht in der Wirbelsäule. Meine Knochen verbiegen sich, Muskeln sprengen die Rumpfbekleidung und die Sehnen sind zum Reißen gespannt. Der kleine (!?) Kiran sitzt mal wieder auf meinen Schultern, weil er vorher lautstark “Papa, Schulter!” gefordert hat. Vielleicht war ihm eine Strecke zum Laufen zu weit, oder er hat einfach Lust auf die gute Rundumsicht von dort oben. Alles nachvollziehbar. Aber mit zunehmendem Alter (bei Kiran und mir) geht mir das Tragen zunehmend an die körperliche Substanz. Außerdem hält die Überkopfhöhe in indischen Städten besonders viele Unwägbarkeiten und Verletzungsgefahren bereit: blanke Stromkabel, scharfe Metallkanten von Schildern, spitze Ecken und beinharte Betonunterzüge. Das es meine Klamotten von den herunterbaumelnden Schuhen einsaut, versteht sich natürlich als operationeller Standard bei Schultertragaktivitäten.     Und dennoch - wenn die Aufforderung “Papa, Schulter!” ertönt, kann ich meist nicht “Nein” sagen. Zu schön i

Fliegende Barhocker im Kampf mit dem Fußwurm

Lasziv durch Katzenscheiße schlurfen - barfuß. Dies gehört nicht zu den Favoriten unter meinen Urlaubsbeschäftigungen. Aber Moment - ich fange lieber anders an.  Meine Hautärztin begutachtet gerade die wirren, knallroten Linien auf meiner linken Fußsohle. Seit drei Monaten wandert diese Linie nun schon juckend und schmerzend unter dem Fuß herum. Die Zickzackserpentinen durch hartnäckiges extrem-Ignorieren loszuwerden, war als Strategie inzwischen vollends gescheitert. Nach einigen Rückfragen herrscht bei der Ärztin Klarheit: "Sie sind beim Thailandurlaub barfuß am Strand in Reste von Katzenkot getreten, der mit der Larve eines Wurms durchsetzt war." Durch eine kleine Wunde unter der Fußsohle konnte die Larve in meinen Körper eindringen.  Katzeklo, Katzeklo, Ja, das macht die Katze froh. Katzeklo, Katzeklo, Macht die richtige Katze froh. / Helge Schneider, Katzeklo Mehr Katzenklos für Thailand! Aber ich schweife ab. Ich habe diverse Rückfragen an die Ärz

Eulenharmonie in Odisha

Die Luft ist lau. Ein Meeres-Briesˋchen streichelt die Haut. Die Mondsichel lugt zwischen den schwarzen Schatten der Palmblätter hervor. Wir schauen erstaunt zum Dachfirst hoch, wo leise aber gross eine Eule gelandet ist. Oder ist es ein Uhu? Ein Schleierkauz? Die anwesenden Vogelexperten verleihen ihrer Unschlüssigkeit Ausdruck, während der Vogel neidisch auf unsere Biere herabblickt. Stefan pfeift ein Eulentrostlied und die Welt lächelt für eine weitere Minute in Harmonie am Strand von Odisha.  Foto: Grosse Eulenfotografie

Der indische Glasfaser Breitbandausbau

Zwei Jahre ist es her. Der gewöhnliche DSL-Internetanschluss in Delhi wurde uns damals mit blumigen Schlagworten wie "Highspeed" und "Broadband" beworben. Wir hatten uns damit abgefunden, dass diese Schlagworte für das letztlich abgelieferte Produkt gnadenlos übertrieben waren. Um das Gesamtpaket seriös und wertig aussehen zu lassen, war natürlich auch der Preis entsprechend stolz gestaltet. Frech.  Zuletzt nahmen die Ausfallzeiten der Internetverbindung extrem zu, und die allgemeine Verbindungsgeschwindigkeit extrem ab, so dass wir uns schliesslich für einen Wechsel des Systems und des Anbieters entschlossen.  Das Zauberwort bei der Suche nach einer Ersatzlösung war natürlich: "Glasfaser". Ein Wort voller glitzernder Verheissungen. Aufbruch in ein neues Jahrtausend. Aufstieg in eine völlig neue Technologiestufe. Eintauchen in eine phantastische Welt aus digitale Dienstleistungen und virtuellem Entertainment. Eine Welt, in der das endlose Starre

Die handgeschöpfte Regierungspost

Im virtuellen E-Mail- und Whatsapp Zeitalter ist es doch wunderbar, noch Briefpost zu erhalten. Mir ist es immer eine große Freude, an mich adressierte Briefumschläge aus den Partnerministerien und Regierungsstellen morgens auf meinem Schreibtisch vorzufinden.  Die braunen Umschläge aus scheinbar handgeschöpftem Papier, sorgsam handbeschriftet und mit offiziellen Aufklebern und Briefmarken versehen, scheinen aus einer anderen Zeit zu stammen. Jener Zeit, in der berittene Boten der Maharadshas auf steinigen Pfaden und durch enge Schluchten quer durchs Land eilten, um den Informations- und Nachrichtenfluss zu garantieren. Natürlich sind die Umschläge komplett ohne Normung erstellt. Der Brief muss jeweils immer neu und kurios, obskur gefaltet werden, um ihn in das unikate Umschlagformat zu pressen. Die Briefe aus Tamil Nadu werden darüber hinaus von Briefmarken verziert, die den früheren Ministerpräsidenten zeigen, der zugleich Filmstar war, und seine politische Agenda mit epischen

Landour Bakehouse

Oben in Landour befndet sich neben der recht alten Kirche, einigen Hotels und kleineren Cafés sowie diversen herummarodierenden Affenbanden die Kultbäckerei "Landour Bakehouse". Für Indien sind die dargebotenen Backwaren sehr speziell und überaus europäisch. Hinter der Ladentheke mit der gläsernen Auslage erstreckt sich ein kleines Café in urigem Ambiente über die gesamte Gebäudetiefe inklusive weitem Ausblick in die Gebirgslandschaft. Die Wände sind rustikal holzvertäfelt und mit diversen Sinnsprüchen und Bildern verziert. Vor dem Laden wirbt das Autowrack eines indischen Kleinbusses für die Bäckerei mit dem Spruch: "Weˋll start deliveries as soon as our vehicle is fixed." Ebenso wie die Affen lieben es Jamal und Kiran auf dem zerbeulten Autodach herumzuturnen. Foto oben: Kiran mit Schokomuffin und Schokocrêpe im Landour Bakehouse. Foto mitte: Kaffeetrinken wie 1895.  Foto unten: Jamal und Kiran auf dem abgewrackten Kleinbus vor der Bäckerei.

Affenbanden

In Landour gibt es zwei Arten von Affen, die in wilden Rasselbanden den Ort beherrschen. Es sind zum einen die bräunlichen "Hanuman"- Affen, die wir auch aus Delhi gut kennen. Und dann sind da noch die schicken Silberaffen, die zudem noch etwas größer als die vorgenannten sind. Städtische Hanuman Affen ziehen sich morgens nach dem Aufstehen zwei Flaschen Cola rein und verspeisen dazu einige Packungen Oreo Kekse. Währenddessen die Silberaffen mit Gürkchenscheiben auf ihren Augen, die Fellspitzen blondieren. Obwohl sie uns inzwischen ähnlich normal sind wie die Kühe im städtischen Strassenbild von Delhi, macht es nach wie vor großen Spass die Affen zu beobachten. Dies gilt vor allem, wenn kleine Affen in der Horde dabei sind, weil dann Chaos und anarchischer Kletter- und Tobespass garantiert sind. Und natürlich bleibt die Geschicklichkeit und Geschwindigkeit immer aufs Neue verblüffend, wenn sie etwa an einem einzelnen Draht kletternd eine Straße in großer Höhe überqueren

Hoch oben

Die zwei Stunden Autofahrt vom Flughafen an Dheradun vorbei durch Mussoorie nach Landour auf 2.300m Höhe verläuft über lange Strecken in atemberaubenden Serpentinen. Unten bläst die Klimaanlage des Taxis noch kühle Luft in den aufgeheizten Innenraum, doch mit jedem Höhenmeter wird es frischer, so dass wir uns auf halbem Wege Tücher umwickeln und Jacken anziehen. Oben kleben die Orte an Abhängen. Oder sie thronen als verschachtelte und gestapelte Häuserhaufen auf den wenigen ebenen Plateaus über den tiefen Tälern. Um Dheradun sind die Wälder hoch und licht. Es regnet bunte Blätter wie an frühen Herbsttagen, obwohl es doch Frühling ist. Oben haben die Bäume dicke Überzüge aus Moosen und Flechten, die sich von der stetig kondensierenden Feuchtigkeit bilden. Foto oben: Straße in Landour Foto mitte: Blick von Landour auf einen Ortsteil von Mussoorie Foto unten: Lost&Found in Landour @ La Villa Bethany

Mobile Videotelefoniemagie

Die Zwölftausend Kilometer zwischen mir und meiner Familie sind für eine volle Woche nur schwer zu ertragen. Und die damit verbundenen neuneinhalb Stunden Zeitunterschied machen es nicht leichter. Wir videotelefonieren also morgens und abends - wobei "morgens" und "abends" am jeweils anderen Ort das Gegenteil bedeutet.   Ich sitze im Morgengrauen in einem Café. Draußen kämpft Washington mit dem leichten Schneefall und Jamal und Kiran toben auf dem Smartphone-Bildschirm in kurzen Hosen und T-Shirts auf der Terrasse und pütschern mit Wasser in der lauen Abendsonne in Delhi.  Und dann zwölf Stunden später kann ich im kalten Hotelzimmer am späten Abend in Washington kaum mehr meine Augen offenhalten, während meine drei Lieben durch den wild hupenden Delhi-Morgenverkehr in der goldenen Sonne zur Schule fahren. Die Jungs kreischen voller Energie und schlagen mit der Telefonkamera Purzelbäume. Die Überlagerung dieser Lebenswelten direkt vor mir in der Hand

Der magische Holi Bierfontänen Tanz

Ich erzähle von einem Moment voll Poesie und innerer Anmut. Einem Moment für die Ewigkeit. Es gibt große Momente für die Ewigkeit (Brandts Bußfall, wenn Napoleon irgendwas Großes getan hat, “Ick bin ein Berliner”, o.ä.) und es gibt die kleinen Momente für die Ewigkeit. Von Letzterem soll hier die Rede sein. “ Schon seltsam, wie leicht man vergisst, dass alles, was man tut, für immer ist.” Spardosen Terzett, Für immer . Für die Holi-Büroparty war alles auf der hohen Dachterrasse über der Stadt vorbereitet. Die Tische auf denen die Farbpigmente in großen Tellern haufenweise bereit lagen, um in die Luft und auf die Gesichter geschleudert zu werden, waren ebenso hergerichtet wie die Getränke, und der kleine Essensstand mit frisch zubereitetem Streetfood-Chaat. Eine dreiköpfige Trommelkombo wechselte sich unter dem schattigen Baldachindach mit der Musik aus den großen Lautsprecherboxen ab. Manche Umherstehende, fast alle in weißen indischen Klamotten, waren bereits von kleineren