Freitag, 20. April 2012

"So gross!" - Gestendesign im internationalen Wettstreit


"Unser Sohn ist schon so gross..." - ich stehe mit einem Mitarbeiter der Stadtverwaltung auf dem weiten, staubigen Sandplatz vor dem Munizipgebäude in Manica. Wie immer, wenn wir uns treffen, erkundigt er sich intensiv über das Befinden meiner Familie. Diesmal will ich ihm also erzählen, wie hoch Jamal inzwischen gewachsen ist. Dazu strecke ich meine flache Hand auf der Höhe meines Knies aus, und messe den Abstand zum Boden, um eine Idee von der Scheitelhöhe des Kleinen zu vermitteln.

Plötzlich ist mein Gegenüber sichtlich verstört. Es muss die Geste des Abmessens der Höhe vom Boden mit der flachen Hand sein, die ihn irritiert. Nach kurzer Verlegenheitspause löst sich das Missverständnis in ein Lachen, und er erklärt mir, wie in Mosambik "abgemessen" wird:

Um jemand anderem die Grösse einer Person zu verdeutlichen ist es hier tabu, dafür die flache Hand zu benutzen. Für den Menschen, als aufrecht gehendes Lebewesen, so wird mir erklärt, sei diese Geste unpassend, weil die flache Hand eher auf ein Kriechen und Krabbeln hindeute, aber eigentlich sogar eher etwas bewegungsloses und statisches symbolisiere: "Bleib unten, Ding!"

Nach kurzer Überlegung kann er mir drei Arten der Höhenabmessung in Mosambik nennen:

1. Die flache Hand ...
... wird zum Benennen der Höhe einer Pflanze genutzt.

2. Die längs gekippte Hand ...
... wird zum Zeigen der Schulterhöhe eines Tieres benutzt.

3. Die angewinkelte Hand ...
... wird als Grössenabmessung für Menschen benutzt.

so gross
Erstaunt akzeptiere ich. Mir gefällt die Rückkopplung des Handzeichens mit dem jeweils Dargestellten. Ich muss aber doch auch im Nachhinein feststellen, dass es zum einen komplizierter und bei höheren Personengrössen auch recht unpraktisch ist, mit der angewinkelten Hand zu messen. Ausserdem kann es zur Unklarheit kommen, welche Grösse denn nun gemeint ist - die der Unterkante der Hand, oder die Oberkante des Winkels?

Aber die Evolution von Handzeichen verläuft nach Regeln, die nicht immer mit Effizienz und Genauigkeit verknüpft sind - ausser in Deutschland. Im Wettstreit "Gestendesign Handzeichen 2012" zwischen Mosambik und Deutschland bleibt es also bei einem knappen 1:1.

Grafik: Georg Jahnsen
Handmodell Mosambik: Alfredo Xavier Lambane
Handmodell Deutschland: Georg Jahnsen


Freitag, 27. Januar 2012

Antarktisexpedition goes Afrika

Arktisexpedition goes Afrika

Insektengleich steht dieses gelbe Teil seit etwa einer Woche beim Munizip in Manica auf dem Hof, und wartet auf seinen Einsatz im Bereich Strassenbau und Strasseninstandsetzung. Ein Monstrum, welches das Gebäude des Ratssaals überragt. Es muss nun nur noch jemand gefunden werden, der den "Nivelador" bedienen kann, ihn bändigt und ihm die richtige Spur weist - bei der imposanten Anzahl Hebel und Knöpfe im Cockpit keine ganz leichte Aufgabe.

Ein Aufkleber auf der Seite weist auf die chinesische Antarktisexpedition hin. Vermutlich ist das Gerät jedoch nie dort angekommen - zu neu und ungebraucht sieht es aus. Vielleicht wurde gerade noch rechtzeitig bemerkt, dass man statt einer Strassenmaschine besser noch ein paar mehr Schneepflüge mitnehmen sollte?

Statt Eisberge und Schneewehen sind nun also roter Schlamm und überreife Mangos aus dem Weg zu räumen. Von dieser Stelle sei dem XGMA-38120 im Munizip Manica allzeit gute Fahrt gewünscht.

Montag, 16. Januar 2012

Bei mir alles gut

Handschlag

Wenn sich zwei Bekannte in der Stadt treffen, ist es ja logisch, dass der jeweils andere fragt wie es einem geht. Im ideal angenommenen Regelfall werden also vier Sätze gewechselt, zwei von jeder Person:

Person 1 und 2 treffen sich.
Person 1: Wie gehts?
Person 2: Gut. Danke.
Person 2: Und wie gehts Dir?
Person 1: Mir gehts auch gut. Danke.

Ich beobachte gerade in Mosambik, dass hier zunehmend, wohl aus allgemeiner Übereinkunft heraus, und aus der zwangsläufigen Logik, dass natürlich der andere fragt wie es einem gehe, die beiden einleitenden Fragesätze bei einer normalen Begrüssung weggelassen werden. Die Konversation verkürzt sich also wie folgt:

Person 1 und 2 treffen sich.
Person 1: Bei mir alles gut. Danke.
Person 2: Bei mir auch alles gut. Danke.

Es scheint auf den ersten Blick etwas egoistisch, dem Gegenüber als aller erstes sein eigenes Befinden mitzuteilen, anstatt sich erst nach dem Befinden des anderen zu erkundigen. Vielleicht kann man darin jedoch auch eine besondere Form der Höflichkeit sehen, die guten Nachrichten über einen selber (wenn es einem denn gut geht) sofort zu präsentieren. Gute Nachrichten sind schliesslich immer willkommen und gern gehört.

Passend dazu ein Dialog im Radio Comunitaria von Manica, den ich vor einigen Tagen aufgeschnappt habe. Es war eine dieser Gruss-Sendungen, wo Hörer anrufen, live in die Sendung geschaltet werden und Freunde und Verwandte grüssen können.

Moderatorin (fragend): Hallo, hier Radio Comunitaria...?!
Anrufer (leicht schläfrig): Hallo. Mir gehts gut.
Pause
Moderatorin (süffisant): Ja, gibt es noch andere Neuigkeiten?
Anrufer: Nein.
Musik setzt ein und die Sendung geht weiter.

Umso schöner und verbindlicher ist vor diesem Hintergrund die hiesige Angewohnheit, nach dem Händeschütteln zur Begrüssung die Hand des Freundes oder Bekannten danach noch etwas länger festzuhalten. Gerne können so einige Minuten vergehen, in denen man händchenhaltend auf der Strasse steht und sich unterhält.

In diesem Sinne: "Danke, mir gehts gut."

Montag, 2. Januar 2012

Die fertigen Schulbänke

done


"Mr. George, do you trust your car?" Wir stehen im Nieselregen mit dem Auto vor der Tischlerei. Die Bänke für die New Horizon School sind alle fertig, und stehen seit zwei Tagen im Regen. Wo auch sonst? Das Dach der Tischlerei taugt nicht mal richtig als Schattenspender, geschweige denn als Schutz vor Regen. Die bis zu 5cm dicken Eukalyptusbohlen der Bänke haben sich mit Wasser vollgesogen. Eine Bank wiegt nun knappe 40kg. Das sind bei 20 Bänken etwa 800 kg Gewicht. Gerade mal die Hälfte der Bänke sind aufgeladen. Die hinteren Reifen des Pickups versinken im Dreck, der sich hier unterhalb des Marktes mit dem Müll und den Exkrementem aus dem offenen Abfluss der öffentlichen Toiletten vermischt. Ich drehe mich zum Schulleiter Mr. Bright, der die Frage an mich gerichtet hat: "Yes, no problem, let´s continue."

Mit einigen Helfern wuchten wir die Bänke auf die Ladefläche. Die Helfer sind nicht leicht zu finden, denn obwohl die Stadt voller Leute ist, sind nun zwischen den Feiertagen alle schwer beschäftigt. Die Marktfrauen und Kinder verkaufen die wichtigen Festtagswaren vom Grillhuhn bis zur Feuerwerksrakete. Und ein erschreckend grosser Teil der Männer sieht die Feiertage als direkte Aufforderung zum Dauerbesäufnis.

Natürlich gibt es keine Gurte zum Befestigen. Uns bleibt nichts anderes übrig als die Bänke so ineinander zu verkanten, dass sich eine halbwegs stabile Stapelung ergibt. Alles ist voller rotem Schlamm. Der Nieselregen wird stärker und dichter. Und die Tipps der herumstehenden Experten mit Bierflaschen in den Händen werden immer absurder.

Das Auto hängt bis zu den Stossfängern durch. Die Wege sind mehr Gebirgsbäche und Schlickrutschen als Fahrstrassen. Zum Glück ist es nicht so weit, und zum Glück laden hier alle ihre Auto so chaotisch voll, meist noch garniert mit festgebundenen Tieren, so dass wir nicht weiter auffallen. Die vielen provisorischen Marktstände lassen auf der Strasse kaum Platz zum Passieren. Und dann gilt es auch noch den vielen Schnapsleichen auszuweichen. Wir schlingern im Schritttempo hoch zur Schule, die im alten Gebäude der Kirche untergebracht ist. Dort warten wir auf das Ende des Regens und laden dann alles ab.

Ich habe dem Schulleiter aufgetragen, bei jedem kleinsten Sonnenschein die Bänke sofort nach draussen zum Trocknen zu stellen. Das Holz ist sehr stabil, die Konstruktion ist sehr solide (die Nägel können jetzt im Holz festrosten) und so wird das kein Problem sein.

Nun haben die Kinder der New Horizon School zumindest schonmal Sitzgelegenheiten im Neuen Jahr. Fehlen nur noch die Bücher, deren Kauf nächste Woche angegangen wird!

Foto: Mr. Bright (mittig) mit Nachbarin und Nachbar, sowie drei Schulkindern, darunter Felimon im karierten Oberteil.

Donnerstag, 22. Dezember 2011

Das deutsche Traumzeugnis

das deutsche Traumzeugnis
Einen Tag kommt ein Mosambikaner mittleren Alters in mein Büro und bittet mich um die Übersetzung eines deutschen Dokumentes ins Portugiesische. Er sei Lehrer in einer örtlichen Schule in Manica, und hätte mit dem Nachweis einer besseren Ausbildung Chancen auf ein höheres Gehalt in seinem Beruf.

Nun habe er einige Zeit in Deutschland gelebt, und aus dieser Zeit stamme das Dokument, welches bescheinigt, dass er als Lehrer eine Ausbildung in Deutschland erfahren habe, die die Gehaltsheraufstufung rechtfertige. Nun fehle nur noch die Übersetzung dieses Dokumentes, damit die Entscheidungsträger in der Hauptstadt es lesen können.

Ich überfliege das Papier, und erkenne sofort, dass einem mit diesem Dokument in der Tasche, die Türen im mosambikanischen Verwaltungsapparat weit offen stehen. Die Übersetzung ist schnell gemacht, und während wir abwarten, wie die Antwort aus Maputo aussehen wird, stelle ich mir vor, wie ein deutscher Arbeitgeber auf ein solches Zeugnis reagieren würde.

Ohne weitere grosse Worte hier der genaue Wortlaut (Name geändert):

ZEUGNIS


Der Freund João Cassamo aus der VR Mocambique besuchte in der Zeit vom 01.09.1988 bis 14.06.1989 den 31. Internationalen Lehrgang der Jugendhochschule WILHELM PIECK und hat den Lehrgang mit dem Gesamtprädikat "Befriedigend" abgeschlossen.  


Der Freund hatte die Möglichkeit sich während des Aufenthaltes in der Deutschen Demokratischen Republik neben dem Studium der Theorie des Marxismus-Leninismus mit Erfahrungen des Aufbaus des Sozialismus und der Gestaltung der entwickelten sozialistischen Gesellschaft sowie der Tätigkeit der Freien Deutschen Jugend vertraut zu machen.   


Er hat den Lehrgang mit folgenden Ergebnissen abgeschlossen:


Marxistisch-leninistische Philosophie. GUT
Politische Ökonomie. BEFRIEDIGEND
Wissenschaftlicher Kommunismus. BEFRIEDIGEND
Geschichte der deutschen und internationalen Arbeiter- und Jugendbewegung. BEFRIEDIGEND
Theorie und Praxis der Jugendarbeit. BEFRIEDIGEND


Der Direktor
Bogensee den 14.06.1989

Sonntag, 11. Dezember 2011

Jamal . 1

Jamal Geburtstag 1


EINLADUNG

Liebe Freunde,
hiermit laden wir Euch herzlich zur grossen Party zu Jamals erstem (1.) Geburtstag ein. Die Feier findet am 24.12.2011 von 10 bis 13 Uhr in unserem Haus in Manica gegenüber vom Bahnhof statt.

Wir freuen uns auf Euch.
Jamal . Shanti . Georg


INVITATION

Dear Friends,
we herewith invite you to the big birthday party for Jamals first (1.) birthday. The party takes place the 24th of December 2011 in our house in Manica opposite the train station from 10am to 1pm.

We are looking forward having you with us.
Jamal . Shanti . Georg


INVITACIÓN

Queridos amigos,
les invitamos a la gran fiesta del primer cumpleaños de Jamal. La fiesta se llevará a cabo el 24 de Diciembre 2011 en nuestra casa en Manica en frente de la estación de tren de 10 a 13 horas.

Nos alegramos de tenerlos con nosotros.
Jamal . Shanti . Georg


CONVITE

Caros Amigos,
nós convidamos você para a grande festa para o primeiro aniversário de Jamal. A festa tem lugar no dia 24 de dezembro de 2011 em nossa casa em Manica em frente da estação do CFM de 10 as 13 horas.

Nós esperamos para vê-los
Jamal . Shanti . Georg

Donnerstag, 1. Dezember 2011

Der Kondom Kiosk

Kondom Kiosk

Am ersten Dezember was über AIDS schreiben ist vorbildlich. Dem wird hiermit nachgekommen.

Das Thema HIV/AIDS ist in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit in Mosambik ein so genanntes Querschnittsthema. Weil die allgemeine Situation auf diesem Gebiet in Mosambik recht dramatisch ist, soll also jeder Mitarbeiter etwa fünf Prozent seiner Arbeitszeit diesem Thema widmen. Ich könnte also zwei Stunden pro Woche mit einem Besenstiel durch das Munizip laufen, und munter Kondome darüberstreifen, oder meine Kolleginnen und Kollegen mit Fragen leicht unterhalb der Gürtellinie belästigen. Doch glücklicherweise haben wir eine professionelle Betreuung zu diesem Themenfeld an unserer Seite, die uns den Horizont der möglichen Aktionen und Projekte extrem erweitert. Dennoch beschreibe ich heute "nur" eine von den kleinen tagtäglichen Möglichkeiten, wie sich dieses wichtige Thema in meinem Arbeitsalltag verankert hat.

Vom scheidenden Kollegen Adrian aus Beira habe ich vor einigen Monaten einen "Kondomkiosk" für mein Büro bekommen. Es handelt sich dabei um ein liebevoll aus Holz nachgebautes Modell eines Schlafzimmers im Massstab eins zu zehn, mit einem Bett, Nachttischchen, Bildern an den Wänden, mit einer hölzernen Frau, mit einem hölzernen Mann und einem seitlich angebrachten grossen Fach, welches mit Kondomen gefüllt werden kann.

Jeder Gast in meinem Büro kann sich dort umsonst mit Kondomen versorgen - so die Idee. In einer Stadt wie Manica, in der etwa jede fünfte Person HIV positiv ist, scheint dies ein zwar kleiner, aber wichtiger Beitrag zur Aufklärung und zur Bekämpfung der Ausbreitung dieses Virus' zu sein.

In der Realität meines Arbeitsalltags übertrifft dieses kleine "AIDS Aufklärungswerkzeug" meine Erwartungen. Praktisch jeden Tag spielen meine mosambikanischen Kollegen aus der Stadtverwaltung nun mit den beiden hölzernen Figuren herum. Und das kam so:

Als ich den Kondomkiosk bekam sassen Mann und Frau etwas ratlos in Unterwäsche nebeneinander auf der Bettkante fixiert. "Spass am Sex sieht anders aus", dachte ich mir, und veränderte die Szenerie geringfügig: ich löste die beiden auf die Bettkante geklebten Figuren und positionierte sie in eindeutiger Koitusstellung. Die nunmehr losen Figuren laden dazu ein, viele neue Stellungen im Modell auszuprobieren. Seitdem wird auf meinem Schreibtisch jeden Tag in vielen illustren Positionen im Massstab eins zu zehn gevögelt. Der immer gleiche Kiosk wird somit nie langweilig. Und jeden Tag ergeben sich aus diesem Spass heraus unzählige Möglichkeiten mit den Kolleginnen und Kollegen über das Thema HIV zu sprechen - ungezwungen, mit einem Lachen und mit Freude.

Ich komme seitdem kaum mit dem Nachfüllen des Kondomfaches hinterher.

Foto: der Kondomkiosk vor der Modifikation

Samstag, 12. November 2011

Capulana Carpentry oder: tischlern mit Multifunktionstüchern

mixed capulanas
Die Capulana ist ein Stück Stoff, ohne das in Mosambik wenig geht. Das traditionelle Tuch ist etwa 2 x 1,5 m gross und in vielen Farben und Mustern erhältlich. Es wird für viele Zwecke benutzt und kann daher zur Gruppe der Multifunktionstücher gerechnet werden.

Zunächst ist es ein einfaches aber effektives Kleidungsstück für Frauen. Es wird meist als Rock gewickelt. Über die Schultern oder den Kopf geworfen, schützt es ausserdem vor starker Sonne oder Kälte und Regen. Auf dem Kopf zusammengebunden, ergibt sich ein überaus schöner Kopfschmuck in farblicher Abstimmung mit dem passenden Kleid (natürlich auch aus Capulana Stoff). Bei der Arbeit dient es als Unterlage auf dem Kopf zum Tragen schwerer Lasten. Auf dem Boden ausgebreitet ist es eine Sitzdecke. Praktisch alle Kinder in Mosambik werden auf dem Rücken in Capulanas getragen. Im Haushalt dient es als Haustür und Fenstervorhang. Für die Politik ist es ein beliebtes Werbemittel, um das Bild des Präsidenten und die alten Leitsätze von der "internationalen Solidarität" und der "Kraft der Veränderung" unter das Volk zu bringen. Neuerdings hat auch die eher westlich geprägte Mode in Mosambik die Capulana entdeckt. Es gibt Handtaschen, Notebooktaschen, Portemonnaies, Handytäschchen und allen möglichen weiteren Schnickschnack aus dem bunten Stoff zu kaufen.

Jede Kultur hat ein solches Stück Multifunktionsstoff. Und in jeder Kultur wird der wahre Wert dieses Stofffetzens grandios unterschätzt. In Indien ist der Sari (साड़ी) Kleidungsstück und Fenstervorhang zugleich. In Südamerika wird der Aguayo-Stoff zum Tragen der Kinder und als Tragetuch für den Einkauf genutzt. Und in Deutschland und der westlichen Welt ist es natürlich das (Geschirr-) Handtuch. Jedes Kind aus unserem Kulturkreis weiss, dass bei grösseren Reisen innerhalb und ausserhalb der Galaxie, natürlich zu allererst ein Handtuch über die Schulter geworfen gehört. Und was wäre die deutsche Hausfrau ohne ein auf dem Kopf zusammengebundenes Geschirrtuch?

Der Multifunktionsstoff einer jeden Kultur ist Ausdruck und Produkt seiner Zeit. Ohne einen Diskurs über die gestalterischen Qualitäten eines deutschen Geschirrtuchs anfangen zu wollen, möchte ich doch folgendes anmerken: die gesellschaftlichen Umstürze im Zusammenhang mit der 68er Bewegung und der so genannten Flower-Power-Generation, lassen sich direkt beziehen auf die Gestaltung des Multifunktionsstoffes zu der Zeit. Man stelle sich im Deutschland der 50er Jahre die bereits erwähnte deutsche Hausfrau mit einem im Capulana-Stil bunt bedruckten Geschirrtuch auf dem Kopf vor. Die gesamte Argumentationskette und die Geschichte von Rebellion gegen Mief und Eintönigkeit der damaligen Jugend wäre in sich zusammengebrochen. Ist sie aber nicht - wegen der (öden) Beschaffenheit des Multifunktionstuches.

Auch wir nutzen den Capulana Stoff für alles mögliche. Jamals Wickeltasche habe ich aus dem Stoff genäht. Wir haben uns eigene Matratzen aus Schaumstoff und Capulana gemacht. Unsere Vorhänge im Haus bestehen natürlich aus Capulanas (und Saris aus Indien). Das Ballrückführungssystem (BRS) unseres Kickers besteht aus einem unter dem Kicker angetackerten Capulanatuch. Und so weiter.

Möbelknauf aus Capulana Stoff und Kronkorken
Neuerdings nutze ich den Stoff zum Möbeldesign. Zunächst gab es da den alten, schweren Vollholz-Kleiderschrank, den wir vom Kollegen Marcus geerbt haben. Die Türen waren so extrem verzogen, dass nur ein Austausch in Frage kam. Zwei einfache leichte Holzrahmen, mit straff hineingetackerten Capulana Stoffen, dienen nun als Türen. Davon inspiriert, folgte ein weiterer Kleiderschrank für das Gästezimmer, der lediglich aus einer Rahmenkonstruktion besteht, die komplett mit Capulanas an allen Seiten bespannt ist. Leicht und luftig das Teil. Nun beziehe ich ganze Bretter mit Capulanas und baue sie dann in Regale ein, bespanne Kronkorken mit Capulana und nutze diese als Knauf für Schubladen oder Türen von Möbelstücken, oder durchlöchere den Korpus von Mölbelstücken und befestige rückwärtig straff gespannt einzelne Ornamente von zerschnittenen Capulanas. (hier mehr Fotos)

IMG_0455
 Ich setze darauf, dass der ein oder andere örtliche Tischler sich das abguckt. (meine beiden Kollegen ( Tischler 1, Tischler 2) gucken schon so) Die Vorteile liegen klar auf der Hand. Es sieht gut aus, ist schnell gemacht und dabei auch noch unschlagbar preiswert (eine Capulana kostet hier kaum 2 Euro). Ich bitte um Rückmeldung, wenn im ersten Afrika Laden in Deutschland Tischlerware mit Multifunktionstuch auftaucht.

Foto oben: Mixed Capulanas.
Fotos mitte: Möbelknäufe aus alten Kronkorken mit Capulana bespannt.
Foto unten: fertiges Schränkchen für die Dame

Sonntag, 16. Oktober 2011

Der mosambikanische Stempel

Stamp
Ein Dokument, ein wichtiger Brief oder ein offizielles Schreiben sind in Mosambik ohne einen richtigen Stempel quasi wertlos. Ein normal unterschriebener Brief oder eine E-Mail an einen mosambikanischen Adressaten gesendet, bleibt in der Regel unbeantwortet. Erst ein Stempel auf dem Schreiben ist der Hinweis für den Empfänger, dass dieses Dokument eine gewisse Dringlichkeit hat, und daher nicht sofort im Mülleimer oder im Ordner für "zu ignorierende Post" landet.  

Fein säuberlich entwarf ich also am Computer einen einfachen Stempel mit Name, Funktion und Titel. Der Ausdruck, oder sogar die Bilddatei, so war ich es von Deutschland gewohnt, könnte dann als Vorlage für die Herstellung des Stempels genutzt werden.

Doch wo in Manica einen Stempel herstellen lassen? Selbst in Chimoio, der nächstgrösseren Stadt, winkten die Besitzer der von mir aufgesuchten Papier- und Schreibwarengeschäfte ab, bzw. schickten mich zu dem jeweils anderen Geschäft. In einem dieser Geschäfte verfolgte ein herumstehender Kunde meinen Wunsch, und bot mir daraufhin an, dass er meine Vorlage mit nach Südafrika nehmen könne, um den Stempel dort herstellen zu lassen. Er würde dort in 3 Monaten seinen Cousin besuchen. Verzweiflung übermannte mich.

Wie eigentlich immer, wies der Zufall einen Weg aus dieser misslichen Situation: schon wieder auf dem Weg Richtung Manica sah ich am Strassenrand in Chimoio einen jungen Mann mit einigen Stempeln vor sich auf dem Boden sitzen. Kurz mustert er meine Vorlage und sagt dann, dass der Stempel in drei Tagen fertig sei und 650 Meticais (etwa 18 Euro) kosten würde.

Als ich eine Woche später wieder in Chimoio bin, finde ich den Stempelmann tatsächlich wieder. Mit einer alten Rasierklinge und einem gehörigen Mass an Geduld, schneidet er aus alten Gummiresten die Stempel und hört dabei wie in Trance versunken mit seinem Handy Musik.          

Nun halte ich also meinen Stempel in der Hand. Einen deutschen Stempelmacher hätte ich höflich gefragt, ob er noch alle Gurken im Glas hat, mir so etwas ernsthaft als Stempel verkaufen zu wollen. Aber ich stehe an einem staubigen Strassenrand mitten in Afrika, und hier überzeugt mich das Ergebnis sofort. Der junge Mann legt meine Stempelvorlage extrem frei aus und lässt so den hiesigen Gestaltungsregeln angenehm viel Raum zukommen. Den ursprünglichen Schrifttyp "Myriad Pro" ersetzt er durch einen Schrifttyp, den ich schon einmal auf den "Weleda" Tuben in einem deutschen Reformhaus gesehen habe. War Rudolf Steiner je in Ostafrika?

Nun sind meine dienstlichen Dokumente nicht nur inhaltlich, sondern auch gemäss den lokalen Anforderungen an Form und Gestalt, hoch offiziell.

Bild: meine Stempelvorlage und das Ergebnis im direkten Vergleich

Freitag, 16. September 2011

Gesang

Gesang am Arbeitsplatz

Meine Arbeit als Berater der Stadtverwaltungen von Manica und Catandica, bedeutet auch, dass sich mein Arbeitsplatz in unmittelbarer Nähe der zu beratenden technischen Angestellten befinden muss.

In Catandica, der kleinen Stadt in der ich immer einmal in der Woche arbeite, habe ich einen eigenen Schreibtisch direkt in dem Arbeitsraum der Stadtangestellten (glücklicherweise an der Stelle, wo das Dach noch intakt ist). In Manica habe ich ein eigenes kleines Büro. Der Raum befindet sich direkt neben dem städtischen Ratssaal. Durch ein kleines Oberlichtfenster habe ich eine direkte akustische Verbindung in diesen Saal. (wenn ich mich auf meinen Schreibtisch stelle, kann ich auch in den Ratssaal hineinsehen)

Die regelmässige Sitzung des Stadtrates ist nur ein Treffen von vielen, die in diesem Raum abgehalten werden. Es findet dort ebenso Erwachsenenbildung statt, die Landfrauen treffen sich, Seminare werden abgehalten, die Stadtteilvorsteher treffen sich, und, und, und... Für mich ist es eine spannende Untermalung meiner Arbeit, bei diesen Treffen als heimlicher Zuhörer dabei zu sein. Vieles verstehe ich nicht, weil Shona oder schnell genuscheltes Portugiesisch gesprochen werden. Höhepunkt eines jeden Treffens ist für mich immer der gemeinsame Gesang am Anfang und am Ende der Treffen.

Wenn zum Beispiel die versammelten Ratsmitglieder die Nationalhymne zu Beginn der Sitzung singen, sind bereits in diesem Gesang Enthusiasmus und Motivation weit weg. Es ist, als ob die Ratsmitglieder die wahrscheinlich extrem langweiligen folgenden Stunden, in diesem Gesang vorweg nehmen.

Heute haben sich alle Lehrerinnen der Stadt Manica getroffen. In ihrem Gesang am Beginn des Treffens waren Freude und Zuversicht zu hören. Kein Wunder, wie ich finde, hat doch ihre Arbeit einen mächtigen Anteil an der Verbesserung der Zukunft dieses Landes. Ausserdem haben sie mein hiesiges Lieblingslied gesungen. Man hört dies auch oft bei anderen Zusammenkünften. Einmal habe ich in Catandica eine grosse Gruppe Frauen inklusive Hühner und Ziegen auf der Ladefläche meines Dienstfahrzeuges von einem Stadtviertel ins andere gefahren. Sie haben dabei das gleiche Lied gesungen. Mit der gleichen Freude und dem gleichen rythmischem Klatschen. Dazu hat es bei grosser Hitze geregnet, alles war voller leuchtend rotem Schlamm, die Landschaft war knallig grün und ich habe hinterm Steuer gross gelächelt.

Anbei also dieser Ohrwurm (erster Teil), gesungen von den Lehrerinnen aus Manica. Im zweiten Teil geben sie noch einen Bonushit zum Besten. Das Lied ist in Shona gesungen. Ich habe unsere Empregada um Übersetzung des Shona Textes ins Portugiesische gebeten. Mit Martin, meinem neuen österreichischen Kollegen hier vor Ort, haben wir darauf beruhend eine Übersetzung ins Deutsche gewagt. Das Ergebnis ist hochgradig verwirrend.

"Devemo-nos juntar,
para ser-mos uma coisa,
aparecida com pombo."


"Wir sollten uns verbünden,
damit wir eine Sache sind,
so wie die Tauben erscheinen."



Dienstag, 6. September 2011

15 Dinge ...

... die man in Manica (Mosambik) auf dem Markt kaufen kann, eher nicht jedoch in einer deutschen Innenstadt. Bei dem vielen Lamentieren (auch meinerseits) was es hier alles nicht gibt, eine längst fällige Gegen-Aufstellung:

Zwille
1 . Handgemachte Zwille / Steinschleuder

2 . Gebratene Mäuse verzehrfertig (10 Stk. 1 Euro)

3 . Seife als 1m langer Strang zum selber Ablängen

4 . Scharniere aus altem Karrosserieblech

5 . Ziegenköpfe (frisch)

6 . Windows7 Installations DVD mit Echtheitszertifikat für 1,5 Euro

7 . Golfballgrosse Sandsteine zum Lutschen (für schwangere Frauen)

8 . 50kg Sack Maismehl ("Maizena")

9 . Alte Fahrradschläuche in Streifen geschnitten (als Dichtungsband für Wasserschläuche, als Gummi für die Zwille, oder als Fahrradgepäckträgergummi)

10 . Klärgrubendeckel aus armiertem Beton mit mittigem Plumsklo-Loch und zwei Vertiefungen für die Füsse.

11 . Alte, leere Ölfässer (200l)

Catana
 12 . Amtliche Buschmesser (Catana)

13 . Frisches Zuckerrohr

14 . Armani Herrenanzug mit Echtheitszertifikat für 7 Euro

Bananenshopping
 15 . Bananenstaude mit ca. 50 Bananen (etwa 1,7 Euro)

Wer nun bei diesen hochinteressanten Angeboten Lust hat zum Shoppen nach Manica zu kommen, der ist jederzeit willkommen.